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Und wovon träumst du?

Als ich vor zwei Jahren das erste Mal nach Neufundland kam war alles ziemlich neu. Um mich also ein bisschen zu integrieren, beschloss ich einen Töpferkurs zu machen. Wenn ich jetzt daran zurück denke, finde ich das fast schon ein bisschen witzig, denn in der Schule war Töpfern im Kunstunterricht das reine Grauen. 
Aus traurigen Tonwürsten mussten wir Schüssel formen. Ich kam mir dabei vor wie im Bastelkurs für Vorschulkinder. Alles hat geklebt und geschmiert und das Endresultat wurde ein ungeliebtes Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass das meine letzte Begegnung mit Ton war – hehe hätte ich damals mal in die Zukunft blicken können.

Jedenfalls begann ich diesen Töpferkurs, hauptsächlich um ein paar neue Leute kennen zu lernen. Wir kneteten ein paar Schüsselchen und einen Teller, machten Perlen und glasierten. Die Leute waren nett, wir lachten zusammen und das Töpferstudio mit dem Blick auf den Hafen und das Meer wurde zur Wohlfühloase für mich.

Je weiter der Kurs voranschritt, desto länger schienen die Abstände zwischen den Treffen zu werden. Die Anziehungskraft vom Töpferstudio war nicht zu verleugnen.
Beim vorletzten Mal ging es im Kurs dann an die Töpferscheibe. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal jemanden an der Scheibe töpfern sehen habt, aber für mich strahlt es pure Ruhe, Symmetrie und Schönheit aus (vorausgesetzt die Person weiß was sie tut :P).

Unsere Lehrerin warnte uns gleich zu Beginn, dass Töpfern an der Scheibe viiieeel Geduld bedarf und vor allem der erste Schritt – das Zentrieren (Ton perfekt mittig auf die Scheibe bekommen) viel Übung und Kraft erfordert. Und ich sag euch eins, die gute Frau hatte nicht untertrieben. Es war das reinste Chaos. Überall Wasserspritzer und flüssiger Ton, fluchende und schwitzende Menschen und eine Lehrerin, die versuchte überall gleichzeitig zu helfen. Ich konnte nicht glauben wie schwer es war. Der Ton wich überall hin, nur nicht dahin wo ich es gerne wollte und am Ende war er komplett außer Kontrolle.

Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend sagte: Nein, Töpfern an der Scheibe ist gar nichts für mich.

Ich beschloss also die Scheibe zu ignorieren und wollte mich stattdessen komplett auf Schmuck konzentrieren. Es folgten unzählige Perlen jeglicher Form und Farbe und ich kaufte Verschlüsse, Bänder und Metallkugeln. Es kamen auch ein paar schöne Ohrringe zustande, aber im Hinterkopf blieb immer diese verdammte Töpferscheibe.

ohrringe

Ich wollte auch diese wunderbar glatten, symmetrischen Gefäße erschaffen. Ich probierte es also nochmal. und nochmal. Ein Versuch schlimmer als der andere. Aber es war egal, denn der Traum war geboren. Ich wollte wunderbares Geschirr töpfern, von dem meine Familie und ich und alle möglichen anderen Menschen später essen und trinken werden.

Die nächsten Monate verbrachte ich also an der Scheibe. Wie eine Verrückte versuchte ich den Ton zu zentrieren. Manchmal hatte ich ein paar kleine Erfolgserlebnisse, dann kam hier und da mal ein schiefer Becher oder eine viel zu kleine Schale zustande.
Ich war so frustriert. Ich wollte gerne aufgeben, aber es ging nicht. Wie ein Roboter ging ich immer wieder zum Töpferstudio und versuchte es erneut.

old

Das sind Resultate von teils wochenlanger Versuche.

Nach 5 Monaten reiste ich ab. Zentrieren konnte ich noch immer nicht richtig, aber meine Leidenschaft war ungebrochen. Meine Eltern hatten alles genau miterlebt und so kauften mein Dad und ich ein halbes Jahr später, nachdem mein Opa und er halb erfolgreich versucht hatten selbst eine Töpferscheibe zu bauen, eine gebrauchte Scheibe über Ebay.

Endorphine kann ich euch sagen!!

Dazu besuchte ich nochmals für einen Abend einen Töpferkurs, was sich als beste Entscheidung überhaupt herausstellte. Die Frau dort zeigte mir eine andere Technik für das Zentrieren und schwupp – der Groschen war gefallen.

Ab diesem Tag ging es eigentlich stetig bergauf. Die Schüsseln wurden immer größer, die Tassen gleichmäßiger.
Irgendwann kam dann auch noch ein gebrauchter Brennofen dazu.

Heute, April 2016, zwei Jahre nach meinem ersten Start, ist es ein wunderbares Gefühl wieder zurück ins Töpferstudio am Hafen zu gehen. Alles sieht noch genauso aus wie vorher, aber meine Fähigkeiten sind mit den Anfängen gar nicht mehr zu vergleichen. Heute gehe ich mit einem Plan an die Scheibe und meistens verlasse ich das Studio mit einem Lächeln. Und klar auch heute geht noch manches schief, aber ich bin ja auch noch nicht am Ende meiner Reise. Noch sind alle fertigen Stücke Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke, aber ich hoffe, dass ich irgendwann einen kleinen Online Shop haben werde.

Scetches

am besten klappt es mit ein paar Sketches

3 mugs

3 Kleine Kaffeetassen

3 mugs oben 2

Gilbert

Gilbert unser Teebeutel Aufbewahrer

kanne greenware

Kaffeekanne mit Filter – unglasiert

Kanne

Das Endresultat 🙂

Wenn mich jemand fragen würde, was deine besten Entscheidungen im Leben waren, dann wäre eine Antwort, dass ich am Töpfern dran geblieben bin.

Dass ich meine Leidenschaft nicht aufgegeben habe, auch wenn es für eine lange Zeit aussichtslos schien, dass ich jemals etwas Gutes zustande bringe.
Ich glaube 
Träume sind wichtig. Sie treiben uns an, sie erfüllen uns mit Glück und auch mit Frustration, die wir dann hoffentlich überwinden und dadurch stärker werden. Für mich machen sie das Leben lebenswert.
Und lasst euch nicht erzählen, dass ihr euer Ziel nicht erreichen werdet. Ihr kommt da schon hin, wenn ihr es wirklich wollt.

Was sind eure Träume? Gibt es bestimmte Dinge, die ihr unbedingt noch erreichen wollt?

Ps. Falls ihr euch mal gefragt habt, was clay in coffeeandclay bedeutet – clay ist englisch und bedeutet Ton und musste einfach aus oben beschriebenen Gründen mit in den Blogtitel 😉
Mit diesem Artikel wollte ich auch eigentlich nur das kurz erklären, stattdessen ist aber ein ganz gefühlsdusseliger Post daraus geworden 😛

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9 Kommentare

  1. Ich schließe mich an: Eine tolle Geschichte, wunderbar geschrieben! Ich habe sie gewissermaßen aufgesogen beim Lesen und bin fasziniert von deiner Begeisterung und deinem Durchhaltewillen.
    In der Schule habe ich ähnlich deprimierende Erfahrungen mit Ton gesammelt, aber ebenfalls immer noch im Hinterkopf behalten, mal wieder etwas damit zu machen. Ich mag Handarbeit in dieser Richtung gern – ich schmiere auch gerne mit Pappmacheé oder Fingerfarben herum. Irgendwie ist das was ganz Tolles, urtümlich Haptisches in seiner reinsten Form. Ich lebe das leider nur viel zu selten aus – und da bist du mir deutlich voraus. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

    Gefällt 2 Personen

    • Danke dir, es freut mich total, dass man die Begeisterung auch beim Lesen merkt :). Ich liebe es auch etwas mit meinen Händen zu machen, egal ob kochen, zeichnen, gärtnern oder eben töpfern. Leider nimmt man sich wirklich viel zu selten ausgiebig Zeit dafür. Ich kann dir jedenfalls nur empfehlen mal wieder die Hände in diese kalte, kühle Masse zu stecken 😛 Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. Wow krass was man für ein Meister werden kann wenn man nur genug Leidenschaft rein steckt. Ich finde deine Kunst wunderhübsch. Wenn ich das irgendwo im laden gesehen hätte, hätte ich gleich zu gegriffen. Steh nämlich total auf getöpferte Geschirre etc. Meine Lieblings Teetasse ist auch getöpfert leider nicht von mir. Weiter so. Das liegt dir echt 😊

    Gefällt 1 Person

    • Oh vielen Dank liebe Mia :3 Du hast es genau erfasst. Man braucht nur genug Leidenschaft und dann kann man in sehr vielen Dingen sehr sehr gut werden. Ich liebe es auch aus getöpferten Tassen zu trinken. Da schmeckt der Kaffee gleich 3 mal besser 😛

      Gefällt 1 Person

  3. Deine Geschichte ist so zauberhaft und Mut spendend.
    Man kann jedem Menschen der „seine“ Leidenschaft gefunden hat nur gratulieren, denn ich sehe es so wie du: Leidenschaft ist das, was uns in unserem Leben erst so richtig aufblühen lässt.^^ Wirklich so schön geschrieben. Und die Ergebnisse sprechen für sich. Wunderhübsche Arbeiten.
    Freudig Staunende Grüße
    Jenny 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Danke Jenny!! Ich stimme dir 100 Prozent zu. Eine Leidenschaft entwickeln ist wirklich etwas feines. Da kann der Tag manchmal richtig mies sein, wenn man dann etwas tut was man liebt, ist alles nur noch halb so schlimm. Sonnige Grüße :3

      Gefällt 1 Person

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